Ferdinand Viconcaij

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Text & Dialog; 1. Edition (1. Januar 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 248 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3943897699
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3943897692
  • Abmessungen ‏ : ‎ 15.7 x 2.5 x 21.8 cm

Das Genie

Es war einmal ein Genie. Robert hieß es. Robert war schlecht in der Schule, denn er wusste schon als Schüler, dass er es einmal weit bringen würde, und so konnten Lehrer bei ihm keine Autorität erlangen. Wenn sie seine unlesbare Schrift, seine unordentliche Gedankenführung, seine geistige Abwesenheit oder seine sonderliche Ausdrucksweise kritisierten, sagte er sich: „Wartet nur einmal ab, wie ich es euch einst zeigen werde. Ihr macht hier Krümelkram, aber mein Genius wird in hellem Licht erstrahlen.“ So sprach es in ihm. 

Er legte nicht viel Wert auf Ordnung, hörte selten auf seine Eltern oder Lehrer und gab sich auch sonst wenig Mühe, da er spürte, dass etwas Großes in ihm wartete und dass alle Anstrengung ihn nur davon abhalten würden, einst das Große zu verwirklichen. Er sah seinen Mitschülern zu, wie sie eifrig lasen und lernten, wie sich ihr Eifer in Wortmeldungen überschlug, wie sie um der Lehrer Lob buhlten. Und er dachte: „Sieh dir die an, wie klein sie sind, wie sie nach Streicheleinheiten lechzen, die Kätzchen“, so sprach es in ihm. Und immer wieder musste er das Unangenehme hören, Schüler, Lehrer, Eltern oder Geschwister sagten ihm: „Strenge dich mehr an, bilde dich,“ so sagten sie. „Warum musst du nur so faul und desinteressiert sein!“ Manchmal blickte er dann verächtlich weg. An anderen Tagen, wo ihm nach Harmonie zumute war, versuchte er ihnen zu erklären, dass er das nicht brauche und dass er – auf seine Weise – ein Ziel verfolge. Manche hatten Verständnis, andere nicht. Und manchmal schlug er diejenigen, die ihn nicht verstehen wollten, und bewies ihnen, dass er Ziele verfolgte und sich seiner Sache sicher war. 

Als Robert älter wurde, wollte er etwas schaffen, allein wollte er es schaffen. Er merkte, dass es nun bald soweit sei, die Zeit des vorbereitenden Träumens sollte in eine Zeit der neuen Wirklichkeit übergehen. So begann er zu schreiben. Denn er spürte, dass er zum Schriftsteller geboren sei und im Schreiben spürte er ein tiefes Echo. Es kamen ihm atmosphärische Tönungen der Verheißung daraus entgegen, er spürte die Bewunderung, die ihm gebührte. Aber ihm missfiel, was er schrieb. Und so hörte er bald wieder auf. Also begann er zu malen und im Malen ging er auf. Der Pinsel verwandelte sich in einen Dirigierstab und die Leinwand in ein virtuoses Orchester. Und all das berauschte ihn. Doch bald hörte er auf damit. Ihm gefielen seine Bilder nicht. Sie verhöhnten ihn. Auch seine angefangenen Texte verhöhnten ihn. Also setzte er sich an ein Instrument, ein Harmonium, und begann zu spielen. Aber auch das Instrument lachte ihn aus und verspottete ihn. Er ließ ab davon und ging. Aber dies alles entmutigte ihn nicht. Er spürte in sich eine Berufung und diese Stimme der Berufung war durch nichts zu überwinden.  

Eines Morgens traf er einen Bildhauer und erzählte ihm davon, dass er Großes vorhabe und gern etwas schaffen würde, um es an ein berühmtes Museum zu verkaufen. Er hätte nur das Problem, dass er meistens keine Lust hätte, lange zu arbeiten. Der Bildhauer staunte nicht schlecht und sagte, dass Robert am besten studieren sollte, in der Bildhauerklasse. Da lerne man lange Arbeiten und lerne Techniken, die Lösungen liefern, so dass man lange Zeit Mut und Freude beim Arbeiten behalten könne. Der Bildhauer erzählte von sich selbst, wie er immer wieder von seinen Arbeiten frustriert gewesen wäre, bevor er in die Ausbildung und später ins Studium gegangen sei. Vor dem Studium, so riet er Robert, sollte er vielleicht auch noch eine Lehre als Steinmetz machen, denn da würde er viel Handwerk, vieles an Geschick und Eigenschaften von Material lernen, was er im Studium weniger beigebracht bekäme. Im Studium ginge es dann mehr um den Einsatz von Kreativität. Ausbildung und Studieren, Handwerk und Schule, davon sprach der Bildhauer und das missfiel Robert sehr. Und er sagte: Nein, daran glaube er nicht. Er glaube nicht, dass man durch eine Ausbildung und ein Studium die Kunst verbessere. Im Handwerk lerne man Handwerk und in der Schule lerne man Schule, so sagte er. Vielmehr glaube er an echte Inspiration. Und er fühle sie in sich. Und er wandte sich ab und ging in der Gewissheit, seiner Bestimmung näher zu kommen. 

Dennoch war er unzufrieden. Denn seine Bilder verlachten ihn, seine Texte auch. Und das Musikinstrument verlachte ihn. Und er spürte, dass es ihm an Publikum fehlte. Er brauchte eine große Bühne. An einem späten Vormittag traf er einen Schauspieler und erzählt ihm davon, dass er eine Bühne und ein Publikum suche. Der Schauspieler fragte ihn, was er denn schon gespielt habe und wo er gespielt habe. Robert sagte, er habe noch nicht gespielt, wolle aber auf einer großen Bühne spielen. Der Schauspieler schmunzelte: „Versuche es mal mit einem von den Jugendhäusern, die auch Theater anbieten. Da habe ich auch angefangen. Jetzt bin ich beim Film, nachdem ich Schauspiel studiert und einige Zeit als Theaterschauspieler gearbeitet habe. Aber angefangen habe ich beim Jugendtheater. Im kleinen Theater kannst du einiges über das Theater lernen, über die Stücke, über die Autoren, über Geste, Bewegung und Sprache auf der Bühne.“ Robert hörte das nicht gern und sagte, dass er eigentlich nicht sehen wolle, wie andere Theater machen, sondern lieber selbst etwas machen. Und wenn er schaue, wie es andere machen, dann würde es doch am Ende ganz konventionell. Er wolle etwas ganz neues und anderes machen. Robert ging, fühlte sich kurz entmutigt, bis in ihm wieder der Stern der Gewissheit leuchtete und er weiter auf den Aufbruch seiner Größe wartete. Und manchmal, wenn er wieder in seinen Texten stöberte, gefiel ihm darin sogar etwas, so dass er Mut fasste und über ein großes, bedeutendes Buchprojekt nachzusinnen begann. 

Und eines Mittags traf er einen Romanautor, der in der Stadt bekannt war. Er erzählte ihm, dass er gerne ein Buch schreiben wollte, mit dem er dann richtig bekannt werden würde. Er hätte etwas Großes vor und spüre es in sich, wisse aber noch nicht so recht, wovon das Buch handeln und wie er es überhaupt angehen solle. Der Schriftsteller machte große Augen. Dann fragte er ihn, was es denn sei, ein Roman, ein Drama, oder was auch immer. Robert erzählte, dass er etwas ganz anderes machen wolle, etwas, was fehlt, was die Welt verändert. Der Schriftsteller fragte: „Hast du Lehrer?“ – „Nein,“ sagte Robert, „Lehrer brauche ich nicht.“ – „Ja, ja, viele unter den Großen hatten eigentlich auch keine Lehrer,“ sagt der Schriftsteller. „Auch Hölderlin, Goethe, Kafka, Hohl und viele andere sind ohne eigentliche Lehrer groß geworden. Aber Hohl hatte Goethe, hatte Nietzsche und andere. Geistige Väter, die er ehrte, die ihn inspirierten. Goethe hatte Shakespeare. Wer sind deine geistigen Ahnen?“, fragte der Schriftsteller. „Wenn du bei denen, die dich begeistern, genau hinsiehst, was sie machen und wie sie es machen, wenn du ihrem Sprachklang nachlauschst und dich in die Bewegung ihrer Bilder vertiefst, dann kannst du von ihnen vieles lernen, auch ohne Lehrer.“ Das gefiel Robert nicht, was er da hörte, das gefiel ihm gar nicht. Und er sagte, die Ahnen, die brauche er nicht. Er glaube nicht an Lehrer und Vorbilder. Das wäre nichts als Vormachen und Nachahmen. Es ginge vielmehr um lebendige Inspiration, die von selbst kommt. Daran glaube er. Und er blieb unzufrieden mit seinem Schaffen. Und ihm kam die Idee, dass er weniger ausführender Künstler, sondern eher ein Befehler sei, jemand, der Anweisungen geben könne. Er wolle es tun, wie Beethoven, und große Werke schreiben, die dann aufgeführt werden können. 

Eines Abends traf er einen Musiker, einen Geiger, der in einem Orchester spielte. Und er dachte, dass es doch schön wäre, mit solchen Musikern etwas zu machen. Er erzählte ihm, dass er eine Symphonie komponieren wolle, um sie dann in der Philarmonie aufführen zu lassen. Der Geiger fragte ihn, wie er heiße. Robert nannte seinen Nahmen. Der Geiger sagte: „Kenne ich nicht. Aber du bist Komponist?“ Als Robert schwieg,  beugte er sich etwas zu ihm vor und fragte Robert, ob er so etwas schon einmal gemacht hätte, ein Stück für Orchester komponiert? „Nein“, erwiderte Robert. Aber er sehe es vor sich, wie er es machen würde. Der Geiger meinte: „Übst du denn genug? Wenigstens kleine Stücke? Für Klavier oder Geige? Kennst du die Seele der Instrumente? Kennst die physischen und emotionalen Eigenschaften der Klänge, der Klangkombinationen, der Klangentwicklungen und expressiven Strukturen? Komponieren ist nicht einfach,“ sagte der Geiger. „Es ist – verzeih bitte den banalen Vergleich – wie beim Profisport. Niemand, der nicht mit eiserner Disziplin trainiert, kann da was ausrichten. Ebenso in der Musik. Du brauchst alle Sinne dafür, sie müssen alle erfassen, worauf es ankommt und dein Herz muss gesammelt sein. Das braucht Übung. Ich zum Beispiel bin Geiger und muss seit 25 Jahren täglich viele Stunden üben. Zunächst musste ich üben, um gut zu werden, dann musste ich weiter üben, um gut zu bleiben, bis heute. Und du? Wie übst du, worin du ein Meister werden willst?“ Das ärgerte Robert und er erwiderte, er wolle ja kein Meister werden. Meister gebe es schon genug. Mit der Übung käme die Gewohnheit. Und mit der Gewohnheit das Gewöhnliche. Und er wolle eben das Ungewöhnliche. Und es sei doch etwas Spießiges an der Verehrung von Meistern. Er fühle es in sich, dass er etwas schaffen würde, auch ohne Meister. 

Und doch blieb Robert im Unfrieden mit seinem Schaffen. Denn wenn er auf einer Gitarre oder einem Horn zu musizieren begann, langweilte es ihn sehr, was er da hörte. Und wenn er begeistert begann, mit dem Pinsel die Welt zu erobern, dauerte es nicht lange, da traten ihm aus dem werdenden Bild hämische Grimassen hervor. Und doch war er nur kurz beleidigt und bald kam wieder die leuchtende Gewissheit. Und eines Nachts traf er einen einsamen Poeten, der aus der Kälte in eine Kneipe kam, um sich bei einem warmen Tee aufzuwärmen. Robert sagte ihm, er wolle Gedichte schreiben, die die Menschen so tief berühren würden, dass ihr Lesen wie eine Nahtoderfahrung sei, ein Schritt in eine andere Welt. Robert erzählte ihm auch gleich, dass er keine Lehrer hätte und auch keine suche, dass er kein universitäres Studium wolle, dass ihm nur hinderlich scheine und auch keine bildungsbürgerliche Verehrung von Großschriftstellern pflege. Der Dichter lächelte und sagte: „Ja das verstehe ich. Wenn du das Elementare suchst, musst immer wieder heraus aus dem Alltag, musst du das Besondere suchen, das Seltene, weite Wege gehen. Du musst dich einer Fremde aussetzen und den Sinn der lebendigen Sprache wecken, dass diese den Klang, die Fülle und die Gestalt der Fremde erlange. Nur so nimmt das Göttliche Herberge in deinem Sprechen, lebt es sich ein in die Musik deiner Worte.“ Robert hörte und ihm gefiel es nicht, was er hörte, ihm gefiel das Pathos nicht und das Fremde. Er sagte, er glaube nicht, dass er wo hingegehen müsse, um die Inspiration zu erlangen. Er habe es im Gefühl, dass sie zu ihm kommen würde und er warte darauf. Die Musen kämen von selbst und ließen sich nicht durch Wege und Orte zwingen.

Und Robert spürte, dass er starke Gegner besiegt hatte, Stimmen, die ihn von seiner Bestimmung hätten abbringen können. Und ihm war es mehr denn je nach großen Werken zumute. Er begann, etwas zu schaffen. Und er erzählte anderen davon, lud sie ein, mitzuwirken. Und er versprach ihnen, dass es die Welt verändern würde. Ein großes Gemälde, mit zwei echten Karussells, die jeweils einmal durch ein Loch des Gemäldes hindurchführten, einem Loch oben links, und einem unten rechts. Die Karussells hätten ihr Drehzentrum jeweils direkt hinter dem Seitenrand der Leinwand. Die Sitze wären auf Ringen montiert, die auf einer Schiene mit Rädern festgehalten waren. So könnten die Gäste durch das Loch in dem Bild hindurchgezogen werden und erlebten dieses zuerst hinter sich, dann seitlich, dann von vorne und dann schließlich von der Rückwand her. Die Karussells müssten allerdings von verschiebbaren Treppen aus vom Publikum bestiegen werden. Roberts Kollegen baten ihn um eine Skizze des Bildes. Er sagte, er brauche keine Skizze. Und sie fragten ihn nach einer Darstellung der Karussellkonstruktionen, die ja angesichts ihrer Asymmetrie äußerst heikel sei. Er sagte, er sei kein Ingenieur und sie sollten doch einfach anfangen zu bauen. Und da sie Angst vor ihm hatten, fingen sie an. 

Robert kaufte sich eine 20 x 20 Meter große Leinwand und begann, zu malen. Und es begeisterte ihn. Und wenn er gefragt wurde, was das denn werden solle, antwortete er: „Eine andere Welt.“ Als er aber sah, wie seine Freunde den Bau der Karussells, eines höheren und eines niedrigeren vorgeplant und bereits zu bauen begonnen hatten, hatte er eine Vision im Kopf: „Halt – irgendwie – naja. Irgendwie finde ich die Idee komisch.“ – Seine Freunde schwiegen. „Ich weiß etwas Besseres. Wir machen auch das Bild als Karussell: Es soll sich um sich selbst drehen, wie ein Uhrzeiger in der Uhr.“ Robert war begeistert. Ein Loch in der Mitte des Bildes, dass dieses sich dreht wie ein Mühlrad. Und dann die Karussells, die sich mitdrehen und zugleich durch die Löcher in dem Gemälde drehen. Die Gäste müssten fest auf den Karussellsitzen angeschnallt werden, da sie sich ja auf den Kopf drehen würden. Man würde dann das Bild sehen, während die Welt auf dem Kopf stünde. Er würde ein prophetisches Bild malen, eine Vision, in der die Welt auf dem Kopf steht, und alle würden die Welt auf dem Kopf erleben. 

Seine Kumpane reagierten eher mürrisch, machten sich aber an die Arbeit, ein drittes senkrecht aufgestelltes Karussell für das Bild zu bauen, an dem die Personenkarussells festmontiert würden und sich dann mitdrehen könnten. Robert sah nach seinen Kumpanen, sah ihnen zu und hatte bald noch eine Idee: „Wisst ihr was?“, rief er: „Wir setzen das Bild und die Karussells auf ein Schiff! Und das Schiff soll aus Geigenholz gebaut sein, dass es klinge wie ein Orchester, wenn es fährt.“ Seine Kumpane konnten sich nicht so recht vorstellen, wie das gehen solle, machten sich aber an die Arbeit und bauten ein Schiff aus Geigenholz. Und lange dauerte es. Und Robert konnte es kaum glauben, als nach anderthalb Jahren das Schiff mit dem Karussell fertig war. Und als er es so fertig sah, wurde er traurig. Wie schön wäre es gewesen, wenn es statt einem Wasserschiff ein Luftschiff gewesen wäre. Er wollte fliegen. Und schon wollte er seine Kumpane schelten, doch dann kam ihm die Idee: „Machen wir ein Luftschiff draus!“ Seine Helfer murrten, dass es schon wieder einen Wechsel gäbe. Wieder alles neu machen, das wollten sie nicht. Aber dann hatten sie eine Idee, es leicht zu machen: Sie überzogen das Schiff mit Folie und pumpten Helium hinein, dass es zu schweben begann. Und alle waren auf dem Schiff und im Schweben drehten sich die Karusselle und es erklang das Geigenholz wie ein großes Streichorchester, mit milden, weichen Klängen, wie aus einer anderen Welt. Und die Helfer setzten sich auf die Karusselle, schnallten sich auf den Sitzen fest und fuhren auf den Karussellschienen durch das Gemälde, während sich das Gemälde langsam mit ihnen auf den Kopf drehte und sie ihr schwebendes Schiff unter sich sahen. Sie hörten die himmlische Musik und erlebten das bunte Gemälde von vorne und dann die unbemalte Leinwand von hinten und die Welt auf dem Kopf, die schwebende neue Welt auf dem Gemälde stellte die wirkliche Welt auf den Kopf und alle waren sich einig, dass sie noch nie in ihrem Leben ein solches Kunstwerk gesehen und erlebt hätten. Und je höher das Luftschiff stieg, desto schneller drehten sich die Personenkarussells und auch das große Leinwandkarussell, und das Geigenholz klang immer lauter und weitläufiger und verschlang alle Klänge der Umgebung, während die Leinwand seltsam zu wachsen schien, als wolle sie die Ränder des Horizonts erobern. Und Robert sah, dass nun in Erfüllung ging, was ihm lange schon verhießen war und dass niemals die Welt wieder dieselbe werden würde, wir zuvor. 

Der Tortenralph

Ralph liebte Torten. Wenn bei einer Geburtstagsfeier Torte gegessen wurde, tat es ihm weh, zu sehen, wie ein Stück nach dem anderen in den Mündern seiner Kameraden verschwand. Ja, das tat ihm so weh, dass er sein eigenes Stück manchmal kaum genießen konnte. Und so sehr Ralph die Torten auch mochte, konnte er sich auf diejenigen Feiern, bei denen es Torten zu geben versprach, kaum freuen. Denn er wusste ja, dass es ihn um jedes einzelne Stück, bei dem er würde zuschauen müssen, wie andere es essen würden, viel Schmerz bereiten würde. So war Ralph oft missmutig, denn er hatte wenig, worauf er sich freuen konnte. Er ging auf dem Schulweg an Konditoreien vorbei und sah sehnsüchtig in die Schaufenster. Und traurig ging er zur Schule. Traurig blieb er, und manchmal hellte sich seine Stimmung auf, wenn er davon träumte, eine leckere Sahnetorte zu verspeisen, doch war die Heiterkeit von kurzer Dauer. 

Aber eines Tages kam ihm das Glück zu Hilfe. Es war auf einer Vorweihnachtsfeier. Ralph hatte Schnupfen und es gab Plätzchen. Die schmeckten auch ganz gut. Doch da musste Ralph – er konnte nichts mehr dagegen tun – plötzlich niesen, mitten über die Plätzchen. „Ha, ha, ha, ha…, ha-tschiiiih!!“ Manche sprangen von dem Windzug seines Nießens etwas beiseite. Und es rief sogleich um ihn herum. „Ach Ralph, hättest du dich nicht abwenden können?“ und „So etwas Ärgerliches! Jetzt können wir die Plätzchen wegwerfen.“ – „Nein! Bibi..bitte nicht wegwerfen!“, sagte Ralph. „Ich esse sie. Ich esse sie.“ Und Ralph nahm den Teller mit den Plätzchen an sich.“  Es wurden noch andere Plätzchen geholt und auf andere Teller ausgeleert, so dass die anderen doch noch etwas bekamen. Ralph aber hatte den ganzen Teller für sich. Und er war froh und hatte eine Idee und er merkte sie sich. Und seine Vorfreude auf Geburtstagsfeiern nahm wieder zu. Und Ralph achtete darauf, dass er immer wieder mit nassen Haaren in der Kälte war und die Erkältung nicht ganz verschwand. Und das nächste mal, als er bei einer Feier war, wo es Torte gab, kam er an den Tisch, um sich ein Stück geben zu lassen und es kam aus ihm nur so heraus: „Ha, ha, ha, ha…, ha-tschiiihh!“ mitten auf die Torte, und so sehr nießte er, dass etwas von der Sahne unter dem Windstoß aufgewirbelt wurde. Und wieder hörte Ralph: „Oh wie ärgerlich! Ach Ralph, wie ärgerlich! Hättest Du dich doch abgewandt! Jetzt können wir eine neue Torte holen gehen.“ Und ein anderer sagte: „Schon wieder. Ach Ralph, du bist ein Idiot! Dich kann man ja nicht in die Nähe eines Kuchens oder einer Torte lassen.“ Die Menge um den Tisch löste sich auf und es wurden Anstalten getroffen, eine neue Torte zu besorgen. Und als Ralph sich unbeobachtet sah, nahm er die Torte, und ging mit ihr in einen dunklen Nebenraum, wo niemand sonst war. Er setzte sich mit seiner Torte auf den Boden und aß genüßlich. Er hörte durch den Türspalt, durch den auch etwas Licht drang, das muntere Treiben des Festes, hörte Erwachsene, die sich unterhielten, und hörte spielende und kreischende Kinder. Er war aber froh, alleine zu sein, und seine Torte zu essen. Und er war froh, dass sich niemand um ihn kümmerte, denn er hätte sich sonst vielleicht geschämt oder ein schlechtes Gewissen bekommen. Als er keinen Hunger mehr hatte, suchte er ein Versteck für die übrige Torte. Ja, er fand es in einer dunklen Ecke unter einem Stuhl, der hinter einem vorgerückten Regal stand. Dort stellte er die Torte ab, und begab sich wieder in das muntere Treiben, wohl wissend, dass er dann, wenn ihm danach wäre, wieder zu seinem Schatz würde zurückkehren können. So genoss er den Nachmittag und den frühen Abend, immer wieder zu seiner Torte zurückkehrend, die immer kleiner und kleiner wurde. Jedes mal, wenn er sich aus der Gruppe losriss – etwa mit dem Vorwand, aufs Klo zu müssen oder lieber draußen mit dem Ball spielen zu wollen, schritt er zunächst in der Richtung des vorgegebenen Ziels los und sah sich dann um, ob ihn auch keiner sah, um unbemerkt in seine dunkle Schatzkammer zu verschwinden.  

Die nächste Feier, der Geburtstag eines Mitschülers, kam auch schon bald und Ralph freute sich darauf. Wenn er allein in seinem Zimmer war, übte er manchmal heimlich das Nießen. Und er träumte von einer großen Torte, träumte von der Geburtstagsfeier, träumte davon, wie er sich wieder einen Schatz sichern würde. Und wenn er in die Schule ging, blickte er Joseph, dem Kameraden, der bald Geburtstag feiern sollte, entgegen, in der Erwartung, eine Einladung zu erhalten. Aber die Einladung kam nicht. Eines Tages hörte er Mitschüler von dem Geburtstag sprechen, der nun schon vorbei gewesen sei. Sie hätten eine wilde Nachtwanderung gemacht, mit Fackeln und Schätzen, die zu suchen waren. Ralph wurde plötzlich sehr traurig, als er das hörte. In seinem Träumen zerfloss die schöne, weiße Torte zu einem hässlichen grauen Brei. Ralph war untröstlich. Auf dem Heimweg kam er wieder an der Konditorei vorbei, und konnte den kurzen Blick in das Schaufenster kaum ertragen, so groß und schmerzvoll wurde seine Sehnsucht. Da stand eine schöne weiße Torte, nicht einmal hinter Glas, sondern schön und groß auf der Theke. Die Sehnsucht biss und brannte ihn. Er ging ganz, ganz langsam und traurig nachhause und die Mutter, die ihn kommen sah, dachte schon, ist wohl wer durchgefallen? Aber nein, soweit im Jahr sind wir doch noch nicht. Oder ist er unglücklich verliebt? Tortenralph schwieg und sprach nichts und seine Mutter konnte den Grund seiner Müdigkeit und Traurigkeit nicht erahnen noch erraten noch erfragen. 

Da hatte er aber eine Idee. Er brauchte den Geburtstag nicht. Er würde es einfach in der Konditorei versuchen. Er würde nießen, das hatte er ja lange genug geübt. Und dann könnten sie die Torte nicht mehr verkaufen und er könnte fragen, ober er sie mitnehmen dürfe. Angesichts des hohen und nahen Zieles schlug ihm das Herz kräftiger als sonst und er fühlte viel Mut und Tatendrang in sich, auch wenn er sich doch irgendwo unsicher war, ob es wirklich eine gute Idee war. Aber er überredete sich und stellte sich immer wieder vor, bald glücklich mit der Torte nach Hause zu gehen. Er ging los, bis zur Konditorei, stieg die Stufen hoch, öffnete die Tür und – da war sie, da stand sie noch. Er simulierte einen suchenden Blick durch die Regale der Konditorei, ging eben fast an der Torte vorbei, wo es anfing: „Ha, ha, ha, ……haaahhttssschiihhh!“ Ein Sahnehäubchen auf der Torte flog, von dem stürmischen Nießen getragen, durch die Luft und landete auf dem Hemd des Konditors. „Mensch Junge, du! Kannst Du nicht aufpassen! Die Torte ist hin!“ Der Mann wollte fast toben, riss sich aber angesichts der Kundschaft im Raume, die er nicht mit einer hässlichen Situation vergraulen wollte, zusammen und sprach leise. „Junge, wie heißt du, wo wohnen dein Eltern?“ Der Mann sah Ralph in die Augen. Ralph schwieg betreten. Aus seinen Augen blickte Angst, blickte Scham. „Junge, das kannst du doch nicht machen! Wenn du niest, musst du den Arm davorhalten. Und die Torte hier ist nicht deine! Wolltest du hier etwas kaufen?“ Der Junge schwieg. „Wenn du nichts kaufen wolltest, was suchst du dann hier? Wie heißt du denn? Wo wohnst du? Wir müssen es doch klären, wer das bezahlt.“ Ralph schwieg. Er wäre am liebsten plötzlich unsichtbar geworden. Eine Frau mit weißer Schürze betrat den Raum und gab dem Mann ein beschwichtigendes Zeichen. Sie sagte zu Ralph: „Wer du auch bist: Mache das nie wieder, hörst Du? Und jetzt geh!“ Der Konditor wollte den Jungen noch halten, aber die Frau sprach leise: „Sie sehen doch, wie traurig und beschämt er ist. Lehre hat er nun genug.“

Ralph sah, wie die Frau das Tablett mit der Torte nahm und mit ihr zu der noch offenen Tür trat. Ein Schmerz von seltener Stärke trat in sein Gemüt, und er überlegte noch kurz, ob er der Frau nicht nachlaufen, und sie bitten könne, ob sie ihm die Torte nicht schenken wolle. Aber er hatte Angst vor dem Konditor, und so sah er die schöne Torte verschwinden, verschwinden wohin? – wohl in einen Mülleimer. Es war ihm so elend zumute, wie einem Prinzen, dem man die geliebte Prinzessin geraubt, getötet und auf eine Müllhalde geworfen hat. Betreten schlich er davon, ohne sich umzusehen, durch die Tür, überquerte die Straße, ging die Promenade unter den Platanen entlang, die kaum seine Blicke fanden, ebenso wenig wie der Fluss, der, gefüllt von Regenfällen der letzten Tage, Schwemmgut trug, viel Holz und auch einige Bojen. Lustlos und traurig ging er nachhause und die Enttäuschung wegen der Torte zehrte und nagte an ihm.

Kurz nachdem er daheim geklingelt hatte, öffnete seine Mama, und winkte ihn freudig und etwas aufgeregt ins Haus. Als Ralph etwas überrascht schwieg und zögerlich kam, fragte die Mama: „Hast du denn ganz vergessen, womit wir uns heute belohnen wollten?“ Er trat ein und sah auf dem Wohnzimmertisch drei kleine Fantaflaschen, daneben einen Teller mit Schokoladenstücken und einen Teller mit Chips. Daneben stand eine nagelneue Playstation mit zwei Controllern und zwei Bildschirmen. Die Eltern lächelten ihm zu. Er aber war traurig. Der Vater gab ihm einen Controller. „Komm, probier mal.“ Er schob eine CD-Rom in das Gerät und navigierte durch verschiedene Menüs in den Start des Spiels. Ein Autorennen, wo man die Autos unterwegs zu Flugzeugen umbauen konnte. Der Vater führte es kurz vor, eine Strecke, zunächst auf der Straße, mit Hindernissen, die zu umfahren oder zu überspringen waren, dann den Übergang in den Flug durch eine bonbonfarben bunte Cyberpunk-City, einen Architekturdschungel mit gewächsartig verschlungenen High-Tech-Wolkenkratzern, wo man in Überschallgeschwindigkeit hindurch zu steuern hatte. Der Vater spielte es vor und ließ sich dann mit Absicht gegen einen hohen Turm rauschen, was eine laute Explosion provozierte und den Turm kurzzeitig zum Wackeln brachte, und einen Brand auslöste, der vielfältige Löschaktivitäten weckte. Anstatt aber den Löschaktivitäten weiter zuzusehen, setzte der Vater das Spiel wieder auf Anfang und zeigte Ralph die Autos, zwischen denen er wählen durfte. Dann spielten sie bis jeder seinen ersten Crash hatte, spielten einmal, zweimal, dreimal, und die fehlerlosen Wege führten immer weiter, weg von den Straße, tiefer hinein in den bunten Wald aus leuchtenden Türmen. Und Ralph vergaß ganz die Torte, vergaß die Trauer, und fühlte sich geborgen und angekommen in einer Welt, die weit und voller farbenreicher Geheimnisse war und in der er gerne leben mochte.